Lieber Jürgen Habermas,

herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag…

Von

18. Juni. 2019… und vielen Dank für Ihre umfassende Erklärung fundamentaler gesellschaftlicher Zusammenhänge.

Mit seiner Theorie des Kommunikativen Handelns ist Jürgen Habermas Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts der ganz große Wurf gelungen, ist ein epochales Werk entstanden. Er hat die große Gesellschaftstheorie gewagt, und es ist fulminant gelungen. Sein Ansatz systemtheoretische Modelle mit handlungs- und kommunikationstheoretischen Entwürfen zu verbinden, hat ein umfassendes, flexibles und nahezu vollständiges Erklärungsmuster ergeben, das komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen analysieren und zuordnen kann.
Auf den letzten 50 Seiten seines Mammutwerks tut Habermas seiner Leserschaft sogar den Gefallen, seine sehr umfangreichen Erhebungen und Gedankengänge anschaulich und gut nachvollziehbar zusammenzufassen. Er entwickelt ein Modell in dem die Begriffe System und Lebenswelt, Kommunikation und Medien eine zentrale Rolle spielen. System ist hier der gesellschaftliche Überbau aus Institutionen, Wirtschaft und Recht. Lebenswelt ist die Sphäre der Reproduktion und Persönlichkeit, Familie, Freundschaften, Vereine und die Kultur.
Der Bereich des Systems wird „medial“ organisiert. Die „Medien“ sind im Wesentlichen Geld und Macht. Die Lebenswelt organisiert sich und ihr Handeln in sprachlicher Verständigung, im Idealfall auf Konsens orientiert, im freien unverfälschten Diskurs.
Lebensweltliche Zusammenhänge sind in Umfang und Wirkungsmöglichkeit begrenzt und werden mit kleinen archaischen Stammes oder Dorfgesellschaften ohne staatlichen Überbau verglichen. Der Überbau des Systems hat sich aus der Notwendigkeit heraus entwickelt, komplexe und große gesellschaftliche Strukturen zu organisieren. Hier reicht die sprachliche Verständigung als Kommunikations- und Steuerungsinstrument nicht mehr aus und muss durch die „Medien“ Recht und Macht ergänzt und verstärkt werden.

Lebenswelt und System bedürfen sich gegenseitig, stehen aber in einem dauernden Konflikt von Gültigkeit und Wirkung. Hierbei ist es immer das System, das zu tief in die Belange der Lebenswelt eindringt und diese dabei verformt. Bereits Max Weber beschrieb vor über 100 Jahren die Tendenzen der modernen Gesellschaften hin zu Bürokratisierung und Monetarisierung. Da wo früher kulturelle und familiäre Bande sowie direkte sprachliche Verständigung zur Koordination von Handlungen oder Leistungs- und Güteraustausch genügten und gut waren, werden diese mehr und mehr durch Geld und verbindliche rechtliche Normen ersetzt. Schreitet dieser Prozess zu weit fort, dringt das System zu tief in die Lebenswelt ein, wird diese deformiert und in ihrer Funktionalität gestört. Die Individuen entfremden sich, Störungen treten auf und werden als solche empfunden.

Die modernen in Staaten organisierten Gesellschaften brauchen Verwaltungen und verbindliches geschriebenes Recht um funktionieren zu können. Für den Austausch von Waren und Dienstleistungen brauchen wir Geld und Märkte. Wir brauchen große Betriebe und Organisationen, um notwendige Güter und Nahrungsmittel erzeugen und verteilen zu können, eine leistungsfähige Verkehrsinfrakstruktur für unsere Mobilität, sowie Krankenhäuser und Schulen für Bildung und Gesundheit, sowie die Polizei für unsere Sicherheit, oder Medien für Information, Unterhaltung und Kommunikation. In diesem „Teil der Welt“, dem System wird nahezu alles über Geld und Macht (Gesetze, Verträge und Verordnungen) organisiert.
Wir brauchen aber genauso unsere Familien, Freundschaften, Vereine, Kirchengemeinden oder Nachbarschaften um uns als Menschen wohl zu fühlen und um uns zu reproduzieren. Hier ist Sprache das wichtigste „Instrument“ um Handlungen zu koordinieren.

Die epochale Leistung von Jürgen Habermas war es nun, zum einen diese beiden Bereiche zu erkennen und zu definieren, und zum anderen die Übergriffe des Systems in die Lebenswelt als zentralen und wichtigsten Punkt gesellschaftlicher Fehlentwicklungen und die Widerstände dagegen auszumachen und offen zu legen.

Mit diesem Ansatz lassen sich abweichendes soziales Verhalten wie Randale, Kleinkriminalität und Drogenkonsum erklären, aber auch genauso Bürgerproteste, Verwahrlosung und Vereinzelung. Je mehr unser Leben von Geld und Bürokratie bestimmt wird, je mehr wir Großbetrieben und Konzernen Eingriffe in die uns umgebende Umwelt, die Gestaltung unserer kulturellen Bedürfnisse und unserer Ernährung gewähren, desto fremder fühlen wir uns in unserer eigenen Lebenswelt.

Wenn Bürokratie und Macht, Geld und Märkte übergriffig werden, und das System die Lebenswelt kolonialisiert, entsteht subjektives Unbehagen der Betroffenen, treten Störungen unseres Soziallebens auf.

Aber die Lebenswelt wehrt sich, spektakulär in der Anti-Atomkraftbewegung in der alten BRD, der Demokratiebewegung in der ehemaligen DDR oder heute in den „Fridays for Future“. Hier fanden und finden sich viele Menschen zusammen, die ohne feste Organisation, ohne finanzielle oder karriereorientierte Interessen, um gegen lebensbedrohlich Technologien, staatliche Gängelung und Unterdrückung oder Umweltzerstörung in katastrophalen Ausmaß kämpfen.

Die hohe Kunst guter Politik ist es, langfristig für einen Interessensausgleich zu sorgen, Fehlentwicklungen zu erkennen und gegen zu steuern. Gute Politik kann und muss bei allen gegebenen Sachzwängen der modernen Industriegesellschaft die Profitgier der Konzerne und die Regelungswut der Bürokratie eindämmen und darf auf keinen Fall die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zulassen.

Das alles und noch viel mehr hat Jürgen Habermas erkannt, beschrieben und belegt. Dafür und für seine weiteren großen intellektuellen Leistungen gebührt ihm höchste Anerkennung, Respekt und Dank.

Was Habermas in den frühen 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch nicht ahnen konnte, war das Erscheinen von Unterhaltungs-, Informations- und Kommunikationsgiganten wie Google, Facebook und Microsoft , deren vordringlichstes Anliegen es ist, alle nur erdenklichen Daten ihrer Kunden und Anwender zu sammeln, auszuwerten und höchstbietend zu verkaufen. Einen direkteren, härteren und umfassenderen Übergriff des Systems auf die Lebenswelt hat es vorher noch nicht gegeben. Die von Habermas beschriebene Kolonialisierung ist in vollem Gange und wird unser Zusammenleben zukünftig fundamental verändern. Es wird höchst Zeit, dass die Lebenswelt diesen Übergriff zur Kenntnis nimmt und als solchen begreift, um endlich mit Verweigerung und Widerstand zu reagieren, ganz im Sinne des großen Philosophen und Sozialwissenschaftler.

Alles Gute zum Geburtstag, Jürgen Habermas

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